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	<title>Israel Diaries</title>
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	<description>Impressionen und Reflexionen aus dem Heiligen Land</description>
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		<title>Israel Diaries</title>
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		<title>Finis</title>
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		<pubDate>Wed, 26 Aug 2009 08:34:54 +0000</pubDate>
		<dc:creator>salewski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Analyse]]></category>

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		<description><![CDATA[Dieser Blog, der nie einer im klassischen Sinne war, wird hiermit beendet. Im Grunde ist er seit rund vier Monaten schon ein „dead end“, denn seitdem bin ich wieder in Berlin. Israel war spannend, so spannend, dass ich garantiert wiederkomme. Israel war produktiv, so produktiv, dass doch einige Texte zusammen gekommen sind. Sie sind jeweils [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=salewski.wordpress.com&amp;blog=5316525&amp;post=81&amp;subd=salewski&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Dieser Blog, der nie einer im klassischen Sinne war, wird hiermit beendet. Im Grunde ist er seit rund vier Monaten schon ein „dead end“, denn seitdem bin ich wieder in Berlin. Israel war spannend, so spannend, dass ich garantiert wiederkomme. Israel war produktiv, so produktiv, dass doch einige Texte zusammen gekommen sind. Sie sind jeweils rechts in der Kategorie „Texte dort“ abrufbar.</p>
<p>Ein neuer <span style="text-decoration:line-through;">und vorerst letzter</span> Text aus Israel ist kürzlich noch im Magazin der Berliner Zeitung erschienen, nämlich <a title="Sterns Mission" href="http://salewski.files.wordpress.com/2009/08/sterns_mission_salewski.pdf" target="_blank">die Geschichte von Robert Stern und seiner Mission</a>. Dieses Portrait ist so etwas wie der große Wurf aus meiner Israel-Zeit, zumindest was die Intensität der Recherche angeht.</p>
<p>Ein Thema, das die Leser der Berliner Zeitung schon kennen, ist der politische Hintergrund von Hapoel Tel Aviv. Die Mannschaft trifft dieses Jahr in der Europa League auf den HSV. Grund für das Hamburger Abendblatt <a href="http://www.abendblatt.de/sport/fussball/HSV/article1206944/Duell-gegen-den-FC-St-Pauli-vom-Mittelmeer.html" target="_blank">die Geschichte des &#8222;FC St. Pauli Israels&#8220;</a> zu bringen.</p>
<p>Ich werde auch weiterhin an dieser Stelle auf Texte verlinken und zwar unter der Kategorie „Texte fort“. Dort sind schon einige zusammengestellt, vor allem aus den vergangenen Monaten, in denen ich im SPIEGEL-Hauptstadtbüro mitgearbeitet habe.</p>
<p>Zuletzt noch ein Hinweis auf ein Projekt, bei dem ich mitmache: Die <a title="Wahlfahrt09" href="http://www.wahlfahrt09.de" target="_blank">Wahlfahrt09</a>, ein mobiles Journalistenbüro auf Deutschlandreise vor der Wahl. Reingucken lohnt!</p>
<br />  <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gocomments/salewski.wordpress.com/81/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/comments/salewski.wordpress.com/81/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godelicious/salewski.wordpress.com/81/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/delicious/salewski.wordpress.com/81/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gofacebook/salewski.wordpress.com/81/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/facebook/salewski.wordpress.com/81/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gotwitter/salewski.wordpress.com/81/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/twitter/salewski.wordpress.com/81/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/gostumble/salewski.wordpress.com/81/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/stumble/salewski.wordpress.com/81/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/godigg/salewski.wordpress.com/81/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/digg/salewski.wordpress.com/81/" /></a> <a rel="nofollow" href="http://feeds.wordpress.com/1.0/goreddit/salewski.wordpress.com/81/"><img alt="" border="0" src="http://feeds.wordpress.com/1.0/reddit/salewski.wordpress.com/81/" /></a> <img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=salewski.wordpress.com&amp;blog=5316525&amp;post=81&amp;subd=salewski&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></content:encoded>
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		<title>Zwei Mal Hundert</title>
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		<pubDate>Fri, 10 Apr 2009 22:49:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator>salewski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Tel Aviv]]></category>

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		<description><![CDATA[zwei Texte, die zum hundertsten Geburtstag Tel Avivs für dpa entstanden&#8230; Den Dünen entwachsen Die Geschichte Tel Avivs beginnt am Strand. Am 11. April 1909 versammeln sich 60 Familien in den Dünen nördlich der alten Hafenstadt Jaffa zu einem Picknick. Gemeinsam haben sie fünf Hektar Land erworben. Sie wollen eine jüdische Siedlung gründen, „geplant nach [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=salewski.wordpress.com&amp;blog=5316525&amp;post=75&amp;subd=salewski&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>zwei Texte, die zum hundertsten Geburtstag Tel Avivs für dpa entstanden&#8230;</em></p>
<p><strong>Den Dünen entwachsen</strong></p>
<p>Die Geschichte Tel Avivs beginnt am Strand. Am 11. April 1909 versammeln sich 60 Familien in den Dünen nördlich der alten Hafenstadt Jaffa zu einem Picknick. Gemeinsam haben sie fünf Hektar Land erworben. Sie wollen eine jüdische Siedlung gründen, „geplant nach den Regeln der Ästhetik und der modernen Hygiene“, wie es heißt. Dann der entscheidende Moment: Die Verlosung der ersten 60 Grundstücke. Sie werden die Keimzelle sein für eine Stadt, die heute von vielen als „New York des Nahen Ostens“ bezeichnet wird.</p>
<p>Es gibt ein Foto von diesem Moment. Viel ist darauf nicht zu erkennen. Nur eine Menschentraube im Sand. Es ist eines der bekanntesten Bilder der jüdischen Geschichte in Palästina. Und das, obwohl es nicht von Rudi Weissenstein geschossen wurde.</p>
<p>100 Jahre später beugt sich Miriam Weissenstein etwas nach vorne, um die Frage besser zu verstehen. „Tel Aviv? Das war ja eigentlich nur ein Kibbutz, jetzt ist es schon eine etwas größere Stadt“, sagt sie lachend, in einem Deutsch, das nach Jiddisch klingt. Das ö wird bei ihr zum e. Miriam Weissenstein ist 96 Jahre alt. 1921, als Achtjährige, kam sie mit ihren Eltern aus der damaligen Tschechoslowakei nach Tel Aviv. Jetzt sitzt sie, wie jeden Tag, hinter ihrem schweren Schreibtisch im Fotoatelier „Prior“ auf der Allenby-Straße im Herzen Tel Avivs. An den Wänden um sie herum hängen Schwarz-Weiß-Aufnahmen in allen Größen. Es sind Fotos, die ihr Mann, Rudi Weissenstein, geschossen hat, der wohl berühmteste Fotograf des jüdischen Staates und seiner Vorgeschichte.</p>
<p>Es ist vor allem eine Aufnahme, die den Ruhm Weissensteins begründet hat. Sie zeigt David Ben-Gurion wie er unter einem Bild Theodor Herzls stehend die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel verliest. Das war am 14. Mai 1948 in Tel Aviv, 12 Jahre nachdem Rudi Weissenstein nach Palästina einwanderte. Ben-Gurion persönlich lud ihn ein, den historischen Moment festzuhalten. Mit niemandem dürfe er vorher darüber reden, auch mit seiner Frau nicht. Er hielt sich daran, wie sich Miriam Weissenstein erinnert. „Rudi war überzeugter Zionist. Als nach der Proklamation die Hatikwa gesungen wurde, da hat selbst er nicht fotografiert, sondern mitgesungen“, sagt sie.</p>
<p>Miriam Weissenstein verwaltet einen Schatz. Erstaunlich behände zieht die alte Dame ein dickes Buch aus dem Regal hinter ihr. Es ist der erste Band des Bildregisters. Sie deutet auf die Einträge. Links auf Deutsch, rechts auf Hebräisch. Negativnummer, Datum, Beschreibung. „Mein Mann ist deutschsprachig aufgewachsen, sein Hebräisch war schlecht. Da musste ich ihm helfen“, sagt sie. „Ein Kiosk auf dem Rothschild Boulevard 1936“, „Lord Herbert Samuel Platz mit dem Britischen Kasino 1936“ oder „Gordon Schwimmbad am Strand von Tel Aviv 1957“. Es sind die vielen Alltagsaufnahmen, die die hundertjährige Geschichte Tel Avivs hier, an der ehemaligen Arbeitsstätte von Rudi Weissenstein, begreifbar machen. Über eine Millionen Negative umfasst das Archiv. Viele davon zeigen wie die Stadt sich nach und nach aus den Dünen erhob, wie die funktionalen Formen des Bauhaus sich entlang der verkehrsarmen Straßen ausbreiteten, wie die Menschen im zionistischen Pioniergeist eine Stadt zum Leben erweckten, die heute mehr als 390.000 Einwohner hat. Eine Stadt, deren Geschichte vor 100 Jahren mit 60 ausgelosten Grundstücken begann.</p>
<p><strong>Kämpfer für die Weiße Stadt</strong></p>
<p>Wenn Frits de Wit frei entscheiden könnte, welches Haus in Tel Aviv er beziehen sollte, dann hätte er ein großes Problem. Er müsste aus rund 4500 Gebäuden eines auswählen. So viele Häuser im Bauhaus-Stil gibt es in Tel Aviv. Sie säumen die Straßen wie in einem riesigen Freilichtmuseum. Wenn man mit de Wit durch das innere Tel Aviv schlendert, dann ist es, als würde man mit einem Kind durch einen Spielwarenladen gehen. Große Augen, Begeisterung pur. Der 62-Jährige kann zu beinahe jedem Gebäude eine Geschichte erzählen. Wann es von wem gebaut wurde, wer es mit wie viel Geld renoviert hat. Die klare Linie, die funktionale Architektur der Moderne ist seine Leidenschaft und Tel Aviv ist das beste Terrain, um sie auszuleben.</p>
<p>An keinem anderen Ort der Welt hat die Bauhaus-Architektur einen solchen Einfluss auf das Stadtbild gehabt wie hier. Tel Aviv, 1909 gegründet, wird nicht umsonst die „weiße Stadt“ genannt. Seit 2003 gehört die gesamte Innenstadt zum Weltkulturerbe der UNESCO.</p>
<p>Seitdem bietet de Wit Stadtführungen zum Thema Bauhaus an. Der 62-Jährige Architekturspezialist lebt seit 1987 in Israel und schreibt für verschiedene niederländische und internationale Magazine. „Bauhaus ist mehr als Architektur“, sagt er, während er den berühmten Rothschild-Boulevard entlanggeht, „Bauhaus ist die Kunstbewegung einer ganzen Epoche“. Die Maxime: Weniger ist mehr.</p>
<p>Der Anspruch des Bauhaus, Gebäude für den modernen Lebensstil zu liefern, passte nahezu perfekt zur Haltung der jüdischen Pioniere, die Tel Aviv in den Dünen südlich der alten arabischen Stadt Jaffa gründeten. Modern sollte Tel Aviv sein, luftig und gesund, eine Stadt für die Menschen. Allein zwischen 1932 und 1938 entstanden 4000 Gebäude, oftmals geplant von Architekten die vor den Nazis aus Europa flohen. Das Leichte und Funktionale des Bauhaus, in Europa entwickelt, fand in Tel Aviv ein eindrucksvolles Exil.</p>
<p>Lange ging man in Tel Aviv mit diesem architektonischen Erbe nicht besonders sorgsam um. De Wit bleibt neben dem ältesten Kiosk der Stadt stehen, gebaut 1909. Er wurde renoviert, von privater Hand. Es gibt frisch gepresste Fruchtsäfte und belegte Baguettes. Der Laden auf der Flaniermeile Rothschild-Boulevard läuft gut. De Wit aber deutet in die andere Richtung, auf den Shalom-Tower, ein typisches Sechziger-Jahre-Hochaus ohne jeden Charme. „Für dieses Ungetüm hat die Stadt 1960 das alte Herzliya-Gymnasium abgerissen, absoluter Wahnsinn!“ De Wit zieht eine alte Aufnahme aus einer Plastikhülle. Man merkt ihm an, dass ihm der Verlust nahegeht.</p>
<p>Seit die Innenstadt 2003 zum Weltkulturerbe wurde, sind derartige Bausünden nicht mehr möglich, aber das heißt noch nicht, dass die alten Gebäude auch angemessen saniert würden. Denn dafür ist sehr viel Geld erforderlich. Viele der Häuser müssen komplett entkernt werden, will man wenigstens die Fassaden retten. Eine Investition, die sich an den Prachtstraßen lohnt, aber kaum in den prestigearmen und vielbefahrenen Seitenstraßen. Dort stehen teilweise unbewohnbare Ruinen, deren Glanzzeit man nur noch erahnen kann.</p>
<p>De Wit schätzt, dass seit 1995 etwa 500 Gebäude saniert wurden. An weiteren 200 würde derzeit gebaut. „Aber die Immobilienkrise wird auch Tel Aviv erreichen“, sagt de Wit. Sinkende Preise machen Sanierungen unrentabel. Und so wird de Wit auch in Zukunft noch viel zu tun haben. Schließlich betrachtet er sich selbst als „Kämpfer für das Bauhaus-Erbe in Tel Aviv.“</p>
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		<title>Rechtswinkliges Dreieck</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Mar 2009 13:55:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>salewski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Analyse]]></category>

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		<description><![CDATA[Neulich saß ich am Strand, die Meinungsseite der Haaretz lesend. Ich vertiefte mich in den Leitartikel von Amir Oren, der unter der Überschrift „Why even wait?&#8220; allen Ernstes Neuwahlen in Israel forderte. Die Koalitionsbildung komme nicht voran. Das könne nur gelöst werden, indem man die Bürger wieder zur Urne rufe. Die vorbeigehenden Spaziergänger guckten sich [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=salewski.wordpress.com&amp;blog=5316525&amp;post=51&amp;subd=salewski&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Neulich saß ich am Strand, die Meinungsseite der Haaretz lesend. Ich vertiefte mich in den Leitartikel von Amir Oren, der unter der Überschrift „Why even wait?&#8220; allen Ernstes Neuwahlen in Israel forderte. Die Koalitionsbildung komme nicht voran. Das könne nur gelöst werden, indem man die Bürger wieder zur Urne rufe. Die vorbeigehenden Spaziergänger guckten sich um, als ich laut loslachen musste.</p>
<p>Zur Erinnerung: die letzten Wahlen sind keine drei Wochen her, angesetzt als vorgezogene Neuwahlen, weil „Tzipi&#8220; Livni von der Kadima-Partei nicht in der Lage oder willens war, eine Koalition zusammenzubringen. Hessische Verhältnisse in Israel könnte man meinen. Aber was in Deutschland die Ausnahme ist, ist hier die Regel.</p>
<p>In den Koalitionsverhandlungen sind vor allem drei Personen bestimmend: Likud-Chef Netanjahu genannt „Bibi&#8220;, Kadima-Chefin Livni genannt „Tzipi&#8220; und Yisrael Beiteinu-Chef Lieberman, den wir jetzt hier der Einfachheit halber „Liebi&#8220; nennen, auch wenn das in Israel keiner tut. Bibi, Tzipi und Liebi sind also die Protagonisten unserer Polemik, deren Beziehung wie folgt aussieht: Bibi will Tzipi, Tzipi will Bibi, aber Liebi will keiner, außer vielleicht Bibi, ein bisschen.</p>
<p>Bibi will Tzipi. Er könnte zwar auch ohne sie &#8211; es gibt noch genügend Spinner auf der Rechten der Knesset, die ihn ins Amt wählen würden &#8211; aber dann würden diese Spinner viele Dinge fordern, die Bibi zwar eigentlich gar nicht doof findet, die aber Probleme mit Liebi geben könnten, den er dann unbedingt braucht. Liebi will zum Beispiel die Zivilehe, die nicht vom Rabbi geschlossen werden muss. Das liegt daran, dass Liebi aus Osteuropa kommt und wie die meisten seiner Wähler mit Religion nicht ganz so viel am Hut hat. Diese Wähler sind zwar Rassisten, die die Araber hassen wie er, aber sie wollen dann doch nicht aufs Schweinefleisch verzichten müssen, während sie ihre Siedlungen mitten zwischen die Palästinenser bauen. Der weltliche Rechtsradikale Liebi würde sich mit den religiösen Rechtsradikalen also nicht immer so supi verstehen. Auch weil Liebi ja gerne möchte, dass die Staatsbürgerschaft an ein Glaubensbekenntnis zum israelischen Staat geknüpft wird („Keine Staatsbürgerschaft ohne Loyalität&#8220;), die Orthodoxen den israelischen Staat aber nur als netten Onkel betrachten, der gerne für die durchschnittlich sieben Kinder, von denen keins in der Armee dienen muss, bezahlt, während man sich selbst tagein tagaus dem Studium von Gottes Wort widmet. Eine reine Rechtskoalition wäre also schon intern vor Probleme gestellt.</p>
<p>Hinzu kommt, dass Bibi zwar ein Rechter ist, sich aber einen Restbezug zur Realität bewahrt hat. Bibi weiß, dass die gesamte Welt, insbesondere Hillary und Obami, äh, Obama von den israelischen Bemühungen um Frieden mit den Palästinensern nicht sonderlich angetan sind, die sich darin erschöpfen, immer weitere Siedlungen und eine Betonmauer weit abseits der Green-Line in die Westbank zu bauen. (Eine Politik, die wiederum Liebi ganz dringend forciert sehen will.) Also möchte Bibi gerne Tzipi als Außenministerin, damit die dann auf Konferenzen viel von dem fehlenden Partner auf palästinensischer Seite sprechen kann und davon, dass Israel gerne bereit ist, einen palästinensischen Staat zu akzeptieren, auch wenn Bibi und Liebi das gar nicht wollen.</p>
<p>Dass sie der Regierung von Bibi den Anschein von Vernunft geben soll, weiß natürlich auch Tzipi. Das ändert nichts daran, dass Tzipi auch Bibi will. Aber sie ist ein bisschen beleidigt, weil sie ja eigentlich die Wahlen mit einem Knesset-Sitz gewonnen hat. Wenn schon den rechtsradikalen Liebi salonfähig machen, dann nur wenn sie mehr zu sagen hat. Tzipi will deshalb eine Rotation im Amt des Ministerpräsidenten. Nach zwei Jahren möchte sie auch mal ran. Das wiederum will Bibi auf keinen Fall und Liebi sowieso nicht. Tzipi meint aber, dass Bibi sie viel mehr will, als sie ihn.</p>
<p>Also hat sie einen Hebel gefunden, um Bibi so richtig schön in die Bredouille zu bringen. Sie macht einfach zur Bedingung, dass Bibi sich für „Zwei Staaten für zwei Völker&#8220; ausspricht. Das ist ganz besonders clever. Denn damit steht Tzipi international als Taube da und Bibi als Falke, wenn er sagt: Nö. Wenn Bibi aber sagt, meinetwegen, dann bekommt er ein großes Problem mit seinen Wählern und mit Liebi.</p>
<p>Tzipi kann also in die Opposition gehen und zugucken wie sich Bibi aufreibt zwischen Liebi und den Religiösen. Oder sie wartet darauf, dass Obama sich einmischt und sagt: Hört mal zu, es wär ganz schön, wenn ihr wenigstens mal aufhören könntet, immer neue Siedlungen zu bauen, und wenn ihr wenigstens rhetorisch an der Zwei-Staaten-Lösung festhaltet. Aber Opposition will Tzipi ja eigentlich gar nicht.</p>
<p>Liebi wiederum ist ziemlich alles egal, solang es nur gegen die Araber geht und gegen den Friedensprozess. Das ist der Grund, warum keiner was von Liebi will, außer vielleicht Bibi, ein bisschen. Denn jeder weiß: Mit Liebi ist kein Staat zu machen, ein palästinensischer erst recht nicht. Liebi, der selbst in einer Siedlung lebt, will die Siedlungsblöcke massiv ausbauen, die israelischen Araber ausweisen, wenn sie ihre Loyalität nicht auf die Fahne mit dem Davidstern schwören, und die iranischen Atomanlagen lieber heute als morgen bombardieren. Das alles will Bibi auch, aber er möchte dafür lieber mit dem Florett als mit dem Holzhammer fechten. Deswegen will er Liebi eigentlich nicht, braucht aber seine Stimmen. Liebi selbst möchte gerne Außenminister werden, um zu zeigen, dass sich ein rassistischer Elefant im diplomatischen Porzellanladen ganz filigran bewegen kann. Aber das ist der Job den Tzipi will, wenn sie schon nicht Regierungschefin wird. Deswegen will sie Liebi auf keinen Fall, wird sich aber mit ihm arrangieren, wenn Liebi sein komplettes Wahlprogramm wegwirft und den Posten ihr überlässt.</p>
<p>Tzipi, Bibi, Liebi und ihre Dreiecksbeziehung. Wie auch immer sie sich entwickelt: Israel bräuchte dringend etwas völlig anderes. Ich hätte da einen Vorschlag: Wie wärs mit Neuwahlen? Und da gibt es gar nichts zu lachen.</p>
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		<title>Der Pate von Abu Dis</title>
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		<pubDate>Thu, 29 Jan 2009 06:50:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>salewski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Westbank]]></category>

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		<description><![CDATA[Im Gegensatz zu Said ist der Gemüsehändler von gegenüber ein Mensch, der keine Ahnung hat. Jedenfalls behauptet das Said. Der Gemüsehändler von gegenüber überquert regelmäßig die Straße, betritt die kleine Pizzeria und erkundigt sich bei Said, was die Bilder im Fernsehen zu bedeuten haben. Said seufzt dann, etwas lauter als höflich wäre, und erklärt dem [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=salewski.wordpress.com&amp;blog=5316525&amp;post=47&amp;subd=salewski&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Im Gegensatz zu Said ist der Gemüsehändler von gegenüber ein Mensch, der keine Ahnung hat. Jedenfalls behauptet das Said. Der Gemüsehändler von gegenüber überquert regelmäßig die Straße, betritt die kleine Pizzeria und erkundigt sich bei Said, was die Bilder im Fernsehen zu bedeuten haben. Said seufzt dann, etwas lauter als höflich wäre, und erklärt dem Gemüsehändler, dass die Israelis nicht gewonnen haben. Es sehe vielleicht so aus, sagt er, aber die Bilder aus dem zerstörten Gaza-Streifen sind Politik. Und Politik ist Manipulation und Lüge. Der Gemüsehändler bedankt sich dann für die Einschätzung und kehrt zurück zu seinen Zucchini und Tomaten. Said blickt ihm kurz nach, mit einem etwas abschätzigen Blick, in dem zugleich die Gewissheit liegt, dass er, Said, die Dinge durchschaut.</p>
<p>Die Jugendlichen in Abu Dis, im Osten Jerusalems, nennen ihn „Don Said&#8220;, in Anlehnung an „Don Corleone&#8220; aus dem Mafia-Epos „Der Pate&#8220;. Said weiß das. Ob er es zutreffend findet? „Ach, das sind doch nur die Spinnereien von ein paar Jungs&#8220;, sagt er mit einem leichten hessischen Einschlag.</p>
<p>Said ist Deutscher. Über 20 Jahre hat er, der gebürtige Palästinenser, in Deutschland gelebt, bevor er zurückkehrte nach Jerusalem. Drei seiner fünf Kinder, diejenigen aus seiner zweiten Ehe, nahm er mit. Seine Frau, die ebenfalls von hier stammt, auch. Jetzt lebt der 48-Jährige mit seiner Familie an einem Ort, den die meisten Einwohner, anders als er, nicht verlassen dürfen, zumindest nicht nach Westen in Richtung Israel.</p>
<p>Gerade jetzt ist Said aber auch Palästinenser. In dem kleinen Fernseher, der in der Ecke hängt, läuft ein arabischer Sender. Erst wenige Tage ist es her da zeigte er rund um die Uhr Bilder von israelischen Kampfjets, die Bomben auf den Gaza-Streifen warfen. Bilder von verzweifelten Menschen und verletzten Zivilisten. Jetzt wird immer wieder eine Zahl eingeblendet. 1300. Die Anzahl der Palästinenser, die während der Operation „gegossenes Blei&#8220; getötet wurden. 1300 Tote. Es ist eine Schätzung.</p>
<p>„Schachfiguren&#8220;, sagt Said und deutet mit der Rechten in Richtung Fernseher. Mehl klebt an seinem Unterarm. „Das ist Wahnsinn. Für Israel sind Menschen nur Schachfiguren.&#8220; Denkt er, dass die Hamas auch eine Schuld trifft? „Jetzt gibt es keine Hamas und keine Fatah mehr, jetzt gibt es nur noch Palästinenser&#8220;, sagt er, bevor er weiter seinen Pizzateig belegt. Es soll zornig klingen, aber es klingt wie einstudiert. Man könnte auch sagen resigniert.</p>
<p>Die Hauptstraße, an der sein kleiner Pizza-Laden liegt, endet nach einigen Kurven abrupt an einer acht Meter hohen Betonwand, dem sogenannten Sicherheitszaun, der sich wie eine Schlange über die Hügel windet und arabische Stadtteile durchschneidet. Vom Eingang seines Ladens aus kann Said das Plakat sehen, das die Stadtverwaltung über die Straße gespannt hat. Darauf steht: „Wir werden niemals knien oder aufgeben. Die Mauer wird fallen.&#8220; An solch einem Ort, an dem das tägliche Leben politisch ist, wirkt es merkwürdig deplatziert, so wie Said eine abgeklärte Verachtung für Politik zu empfinden. Vielleicht hat er aber auch nur den richtigen Pass in der Tasche, um sich ein Stück weit raushalten zu können.</p>
<p>Dabei scheint es &#8211; bei aller beschworenen Einheit &#8211; auch im Krieg zwei verschiedene Palästina zu geben. In Ostjerusalem und im Westjordanland reagierten die Meisten merkwürdig unbetroffen auf die israelischen Angriffe im Gaza-Streifen. Sicher, es gab Demonstrationen. Die Wut war groß und sie ist es noch immer. Aber von einer dritten Intifada gegen Israel, die der im syrischen Exil lebende Hamas-Chef Chaled Maaschal von den Palästinensern forderte, von einem breiten Volksaufstand war hier, in der designierten Hauptstadt eines künftigen palästinensischen Staates, nichts zu sehen. Zwar hatten ein paar Jugendliche zu Beginn des Krieges Autoreifen und Müllcontainer auf der Straße verbrannt, man kann die Spuren noch sehen, aber die Älteren pfiffen sie zurück. An den Checkpoints, die in die Mauer eingelassen sind, kam es zu kleineren Ausschreitungen. Auf die Steine der Jugendlichen antworteten die israelischen Grenzsoldaten mit Tränengas und Gummigeschossen. Aber wer die Abgeklärtheit in den Gesichtern der Soldaten gesehen hat, konnte sich sicher sein, dass hier nichts Außergewöhnliches passiert. Drei Tage lang hielten die Besitzer aus Solidarität mit den Landsleuten in Gaza ihre Läden geschlossen, doch dann gingen die Geschäfte weiter. Die Wut war groß, aber sie wirkte ohnmächtig. Und von einer Bereitschaft zum großen Aufstand ist auch jetzt nichts zu spüren.</p>
<p>Said glaubt, die Gründe zu kennen. „Alle hier sind zornig&#8220;, sagt er, „aber wir wissen genau, wir können nicht viel tun.&#8220; Sein Blick ist in die Ferne gerichtet. Der gemütliche Bauch, den er wie ein Souvenir vor sich herträgt, hebt sich etwas, als er Luft holt und sagt: „Dieses Land ist seit 2500 Jahren besetzt, von den Römern, den Jordaniern, den Briten und jetzt von den Israelis.&#8220; Während er grüne und schwarze Oliven auf einen Pizzateig rieseln lässt, fährt er fort: „Vor 1980 konnte man hier gut leben, aber es gab immer Menschen erster und zweiter Klasse.&#8220; Zu welchen er sich selbst zählt, lässt er offen.</p>
<p>Spanien war das Ziel, 1980, als Said sich aufmachte, den Westen kennenzulernen. Zwei Jahre später kam er nach Berlin. Er handelte mit Gebrauchtwagen, kaufte sie billig, reparierte sie und verkaufte sie mit Gewinn. Ein gutes Geschäft. Bald stellte er arbeitslose Jugendliche ein, mit Unterstützung vom Staat. „Ich musste nicht den ganzen Lohn allein zahlen&#8220;, sagt er. „Für mich war das super, aber natürlich ist das eine dumme Politik.&#8220;</p>
<p>Er heiratete eine Deutsche, bekam mit ihr zwei Kinder. Die Ehe ging in die Brüche. Said zog weiter. Nach Hannover, nach Frankfurt, nach Dortmund, nach Hamburg und in viele andere Orte. „Freiburg mochte ich gerne&#8220;, sagt er. „War besser als Memmingen, dieses Kaff.&#8220; Und jetzt also Abu Dis im Osten Jerusalems.</p>
<p>Das rote Schild am Ortseingang markiert die Grenze zwischen zwei Welten. Von hier an, sagt das Schild, bewegt man sich in palästinensischem Autonomiegebiet. Der Zutritt für israelische Staatsbürger ist untersagt. Kaum hat man das Schild passiert, fährt man auf einer Straße, auf der die Schlaglöcher mehr Platz einnehmen als der Asphalt. Im Rückspiegel kann man noch die die roten Dächer und die grünen Gärten der israelischen Siedlung Ma&#8217;ale Adumim erkennen, die aussieht wie ein Vorort von Freiburg oder von Memmingen, zum Beispiel. Es sind zwei Welten, die dicht beieinander liegen.</p>
<p>Es war Saids Frau, die zurück in die alte Heimat wollte. Das würde er so nicht sagen, aber man kann es heraushören, wenn er davon redet, dass sie die Schwiegereltern vermisst hat oder davon, dass sie in Deutschland nicht so integriert war, wie er, der fließend Deutsch spricht. Für Said war es seine Entscheidung.</p>
<p>Er sei es gewesen, der gewollt habe, dass die Kinder Arabisch lernen und ihm sei es wichtig gewesen, dass die Kinder eine Beziehung zu diesem Land aufbauen.Seit zwei Jahren lebt die Familie jetzt in Abu Dis. Er verkaufe gerne Pizza, sagt Said. „Ist nicht so stressig.&#8220; Seine Frau fühle sich wohl hier. Und die Kinder? Die lernen Arabisch. Sie besuchen eine Privatschule.</p>
<p>Pizza-Pause. Said schlürft eine Tasse arabischen Kaffee. Der Fernseher hängt hinter ihm in der Ecke, außerhalb des Blickfelds. Zeit für die großen Zusammenhänge. „Der Krieg, das ist eine große überflüssige Scheiße&#8220;, sagt er. „Dieses Land gehört allen Menschen, Gott hat es allen Menschen geschenkt.&#8220; Seine rechte Hand untermalt jeden Satz mit kreisenden Bewegungen. Die Rede von Heimat, das sei doch nur Politik. In Wirklichkeit gehe es um Macht, um die Macht der Wenigen über die Vielen. Er habe nichts gegen Israelis, betont er. Schuld sei nur die Politik. „Wenn alle Menschen so denken würden wie ich, hätten wir diese ganzen Probleme nicht.&#8220;</p>
<p>Draußen hupt ein Auto. Als das Hupen nach zehn Sekunden noch immer nicht aufhört, platzt Said der Kragen. Schneller, als zu erwarten wäre, schwingt er seinen massigen Körper in die Höhe und stapft vor die Tür seiner kleinen Pizzeria. Wild gestikulierend wirft er dem Autofahrer durch das geöffnete Fenster arabische Schimpfwörter an den Kopf, so laut, dass sich die Leute auf der Straße erschrocken umblicken. Als er wieder hereinkommt und sich auf seinen Stuhl fallen lässt, sagt er: „Ich weiß, das ist typisch deutsch, aber ich kann dieses Dauergehupe nicht ab.&#8220; Am Nebentisch sitzen zwei Jungen und grinsen. Sie grinsen über den deutschen Auftritt von Don Said, mitten in Abu Dis, Palästina.</p>
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		<title>Israelisches Dilemma</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Jan 2009 16:43:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator>salewski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Analyse]]></category>

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		<description><![CDATA[Die derzeitigen Umstände in Israel zwingen mich dazu, anstelle von mehr oder weniger szenischen Erlebnisberichten in die Untiefen der politischen Analyse hinabzusteigen. Reden wir also über gegossenes Blei und damit über die poetische Ader militärischer Oberbefehlshaber. Eine solche muss man besitzen, wenn man den Krieg im Gaza-Streifen als „Operation gegossenes Blei&#8220; bezeichnet. Es ist eine [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=salewski.wordpress.com&amp;blog=5316525&amp;post=43&amp;subd=salewski&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die derzeitigen Umstände in Israel zwingen mich dazu, anstelle von mehr oder weniger szenischen Erlebnisberichten in die Untiefen der politischen Analyse hinabzusteigen. Reden wir also über gegossenes Blei und damit über die poetische Ader militärischer Oberbefehlshaber. Eine solche muss man besitzen, wenn man den Krieg im Gaza-Streifen als „Operation gegossenes Blei&#8220; bezeichnet. Es ist eine passende Metapher, denn gegossenes Blei nimmt ins Wasser gelassen Formen an, die man vorher so gar nicht abschätzen kann. Relativ ähnlich dürfte es der israelischen Führung ergehen, die berechtigterweise Ruhe für ihre terrorgeplagten Bürger im Süden will, sich aber in einer Situation befindet, die man nur als politisches Dilemma beschreiben kann. Ein Dilemma, aus dem fast unvermeidbar falsche Politik erwächst.</p>
<p>Falsch an dieser Politik war es, den Gaza-Streifen in einem De-facto-Bündnis mit Ägypten jahrelang abzuschotten. Falsch war es, jegliche Gespräche mit der Hamas konsequent auszuschließen. Falsch war es die knapp halbjährige Waffenruhe nicht dazu zu nutzen, den Menschen von Gaza zu zeigen, dass sich Ruhe lohnt, dass es eine Friedensdividende gibt. Und falsch ist es jetzt, Leichenberge in Kauf zu nehmen, um noch den letzten Hamas-Kämpfer in Gaza zu treffen.</p>
<p>Dabei ist es äußerst einfach mit dem moralisch erhobenen Zeigefinger auf Israel zu zeigen. Es ist eine verständliche Reaktion, sind es doch israelische Kampfjets, die Bomben auf Hamas-Stellungen inmitten ziviler Wohngebiete abwerfen. Es ist aber eine intellektuell vollkommen unlautere Reaktion, denn die Fehler, die Israel macht &#8211; das ist die Tragik in Nahost &#8211; lassen sich kaum vermeiden.</p>
<p>Das ist zuallererst der Tatsache geschuldet, dass Israel ein demokratischer Staat ist. Wer sich die Macht von seinen Bürgern bestätigen lassen muss, dessen Optionen sind von vornherein eingeschränkt. Derzeit ist Wahlkampf in Israel. Welcher Politiker soll sich in einem Land, das seit Jahrzehnten unter Terror leidet wie kein anderes, hinstellen und seinen Bürgern erklären: „Wir lassen diejenigen, die uns die Vernichtung androhen, auch weiterhin Raketen auf euch abfeuern. Das müsst ihr bitte verstehen, denn es ist zum Wohle des Friedens?&#8220; Zur Erinnerung: In Deutschland gewinnt man Wahlkämpfe, indem man sich volksverbunden gegen Rauchverbote auflehnt. Hier geht es um Tod und Zerstörung. Das macht aus der derzeitigen Operation gegen die Hamas noch kein reines Wahlkampfmanöver, aber es erklärt einen Teil der innenpolitischen Dynamik, die dazu geführt hat. Nicht umsonst sprechen israelische Analysten inzwischen davon, dass Verteidigungsminister Ehud Barak eine realistische Chance auf den Wahlsieg im Februar hat. Noch vor zwei Wochen war er weit abgeschlagen hinter Benjamin Netanjahu und Tzip Livni.</p>
<p>Wer sich also über Israels Politik aufregt, regt sich zugleich über Israels politisches System auf. Das kann man mit gutem Grund tun. Angefangen bei einem Wahlsystem, dass radikalen Splitterparteien wie etwa den Vertretern der Ultra-Orthodoxen erlaubt „Zünglein an der Waage&#8220; zu spielen, bis hin zu der Tatsache, dass kaum eine Regierung ihre Amtszeit überlebt, was Wahlmüdigkeit bei den Gemäßigten auslöst und langfristiges Handeln verunmöglicht. Doch man darf nicht vergessen, dass es dieses demokratische System ist, dass garantiert, dass man die schärfste Kritik in israelischen Zeitungen liest, dass hier die Exekutive durch Judikative und Legislative gebunden ist und dass der Maßstab politischen Handelns das Recht ist und das Ziel der Frieden. Wer sich also über Israels politisches System aufregt, sollte die Alternativen mitdenken.</p>
<p>Wie eine Alternative aussieht, kann man im Gaza-Streifen beobachten. Herrschaft einer durch und durch ideologisierten Bewegung, die man nur als faschistisch bezeichnen kann. Einer Bewegung, die sich die Macht mit Gewalt genommen hat, als die Mühen der Koalitionsbildung mit der gemäßigteren Fatah zu mühevoll erschienen. Eine Bewegung, die keinerlei Recht achtet, die sich hinter den Zivilisten verschanzt, die sie zu schützen beansprucht, und gleichzeitig Raketen auf Frauen und Kinder abfeuert. Eine Bewegung, deren erklärte Ziele nicht Frieden, Kompromiss, Ausgleich sind, sondern der Krieg. Eine Bewegung, die der verlängerte Arm Irans ist, desjenigen Staates, der einem anderen UN-Mitgliedsstaat offen die Vernichtung androht. Eine Bewegung, die einhellig als terroristische Organisation eingestuft wird. Kurz: Die Hamas steht für alles, was man als vernunftbegabter Mensch verabscheuen muss.</p>
<p>Wenn dem aber so ist, wieso war dann eingangs von den Fehlern der israelischen Politik die Rede? Hat Israel nicht das Recht sich gegen einen derartigen Feind, der zugleich ein Feind der Freiheit ist, mit allen legalen Mitteln zu wehren? Sicher hat es das. Aber wie so oft im politischen Raum sind Legalität und Legitimität nicht deckungsgleich. Was rechtlich erlaubt ist, kann dennoch politisch kontraproduktiv sein.</p>
<p>Völkerrechtlich ist die Sache eindeutig. Israel darf sich gegen gewaltsame Angriffe auf sein Territorium und seine Bürger zur Wehr setzen und zwar solange bis die Quelle der Angriffe ausgetrocknet ist. Dabei gilt: Israel kann alle ihm zur Verfügung stehenden militärischen Mittel nutzen, um den Angriff abzuwehren und den status quo ante wiederherzustellen, solange es sich selbstverständlich dabei an das Kriegsvölkerrecht (Genfer Konvention etc.) hält. Dessen zentrale Forderung lautet: Schone Zivilisten so gut es geht. (Einen Maßstab, den die Hamas aus perversem Kalkül ins exakte Gegenteil verdreht, indem sie nicht nur Zivilisten als menschliche Schutzschilde nutzt, sondern sie auch absichtlich in die Schusslinie bringt, wohlweißlich, dass die fürchterlichen Bilder aus den überfüllten Krankenhäusern die beste PR gegen Israel sind.)</p>
<p>Und tatsächlich versucht das israelische Militär, sein Handeln an diesem grundlegenden Maßstab auszurichten. Bewohner von Gebäuden, die die Hamas nutzt, wurden vor der Bombardierung per Flugblatt und Telefon gewarnt. Verschiedene Quellen berichten gleichlautend von geplanten Bombardierungen, die abgebrochen wurden, weil der Pilot Zivilisten auf den Dächern sah, Zivilisten, die von der Hamas dorthin gezwungen wurden.</p>
<p>Doch selbst wenn die Israelis versuchen, Zivilisten zu schonen, wenn sie humanitäre Korridore einrichten, wenn sie zeitlich begrenzt und einseitig das Feuer einstellen, damit Zivilisten versorgt werden können, der Blutzoll ist zu hoch. Niemand, der nur ein wenig Empathie empfindet, kann über das Leid der Zivilbevölkerung hinwegsehen. Israel handelt rechtmäßig, aber ab einem gewissen Punkt wird dieses Handeln unmoralisch und damit &#8211; ganz analytisch ausgedrückt &#8211; politisch kontraproduktiv.</p>
<p>Das ist die Tragik der israelischen Politik. Israel hat das Recht und aus innenpolitischen Gründen auch die Pflicht einen Gegner zu bekämpfen, der sich militärisch nur sehr begrenzt bekämpfen lässt. Deswegen war es ein Fehler, die Menschen in Gaza durch die Isolationspolitik zu bestrafen, auch wenn sie die Terrororganisation Hamas per Wahlschein erst so stark gemacht haben, wie sie jetzt ist. Es war ein Fehler jegliches Gespräch mit der Hamas zu verweigern. Und weil es absehbar war, dass Hamas Leichenberge produzieren will, die die moralische Integrität Israels in Frage stellen, war es ein Fehler, in diese Falle zu tappen. Aber all dies sind Fehler, die sich nur sehr schwer vermeiden lassen, weil Israel das Recht und die Pflicht hat, seine Bürger zu schützen.</p>
<p>Wer sich also über die israelische Politik aufregt, sollte sich die Zeit nehmen und das politische Dilemma durchdenken, in dem Israel steckt. Und er sollte sich klar machen, dass die moralischen Maßstäbe, die man zu Recht an Israel anlegt, von dessen Feind mit Füßen getreten werden. Vielleicht ist man dann nicht mehr ganz so schnell dabei, wenn es darum geht in einer sehr selbstgerechten Art die israelische Politik zu verdammen. Eine Art, die bei dem ganzen moralischen Anspruch, mit dem sie vorgetragen wird, vor allem eines beweist: unterkomplexes Denken gepaart mit politischer Naivität.</p>
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		<title>Fußball als Weltanschauung</title>
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		<pubDate>Thu, 18 Dec 2008 10:28:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>salewski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Jerusalem]]></category>

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		<description><![CDATA[hieß mein Vorschlag für die Überschrift zu einem Text, der heute in der Berliner Zeitung erschienen ist. Aus Copyright-Gründen nicht hier gepostet, sondern hier aufrufbar.<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=salewski.wordpress.com&amp;blog=5316525&amp;post=38&amp;subd=salewski&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>hieß mein Vorschlag für die Überschrift zu einem Text, der heute in der Berliner Zeitung erschienen ist. Aus Copyright-Gründen nicht hier gepostet, <a title="Der Block tobt" href="http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2008/1218/sport/0007/index.html" target="_blank">sondern hier aufrufbar</a>.</p>
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		<title>Der Tod fährt mit</title>
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		<pubDate>Tue, 25 Nov 2008 22:47:02 +0000</pubDate>
		<dc:creator>salewski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Ägypten]]></category>

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		<description><![CDATA[Am 19. Juli 1981 veröffentlichte ein gewisser John Goddard in der New York Times einen Artikel unter der Überschrift „Taking a Taxi from Jerusalem to Cairo&#8220;. Jener Mister Goddard beschrieb darin, etwas zu amerikanisch-naiv für meinen Geschmack, seine Fahrt auf dem Landweg nach Kairo. 27 Jahre später entschied ich mich, es ihm gleichzutun, aber nicht [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=salewski.wordpress.com&amp;blog=5316525&amp;post=33&amp;subd=salewski&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am 19. Juli 1981 veröffentlichte ein gewisser John Goddard in der New York Times einen Artikel unter der Überschrift „Taking a Taxi from Jerusalem to Cairo&#8220;. Jener Mister Goddard beschrieb darin, etwas zu amerikanisch-naiv für meinen Geschmack, seine Fahrt auf dem Landweg nach Kairo. 27 Jahre später entschied ich mich, es ihm gleichzutun, aber nicht ausgebreitet auf der Rückbank eines luxuriösen Viertürers, sondern per öffentlichem Personenfernverkehr, was mich, im Gegensatz zu Mister Goddard, in die Lage versetzt, nicht ohne Stolz zu behaupten: Ich habe dem Tod ins Auge geblickt und er hat zuerst geblinzelt.</p>
<p>Aber von vorne: Jerusalem ist von Kairo rein geographisch getrennt durch zwei Wüsten und eine Grenze. Selbige galt es also zu überwinden. Der Bus nach Eilat im äußersten Süden Israels fährt pünktlich, klimatisiert und auf der richtigen Fahrbahnseite. Ich betone das, weil derartige zivilisatorische Errungenschaften keine Selbstverständlichkeit sind, wie ich inzwischen weiß. In Eilat winke ich mir nach rund viereinhalbstündiger Fahrt ein Taxi heran, das mich zum ägyptischen Konsulat fahren soll. Da ist es 11:20 Uhr.</p>
<p>Am Konsulat, einem zweistöckigen Wohngebäude mit Terasse, winke ich mir dann einen Konsularbeamten heran, der mich wenig freundlich dafür aber bestimmt durch das mannshohe Gitter, das uns trennt, anraunzt: „What you want?&#8220; Ich erkläre ihm mein Begehr eines Visums für Kairo, der Hauptstadt seines schönen Landes. „You have passport?&#8220; raunzt er weiter, nimmt aber mein „Sure&#8220; nicht mehr war, sondern verschwindet, um das Formular zu holen, das ich daraufhin unter Auslassung jeglichen Hinweises auf meine journalistische Profession ausfülle. Als der Beamte meinen deutschen Pass entgegen nimmt, hellt sich seine Miene deutlich auf. „Ah, Alemani.&#8220; Plötzlich werden aus den 100 Schekeln Bearbeitungsgebühr 65. Wozu so ein deutscher Pass doch gut ist, denke ich. Da ist es 11:45 Uhr.</p>
<p>Ich winke mir also wieder ein Taxi heran, das mich zum Grenzübergang Taba, rund 12 Kilometer westlich von Eilat, bringen soll. Der Taxifahrer ist nett. So nett, dass er eine ältere Dame, die auf dem Bürgersteig läuft, einsteigen lässt, um sie mitfahren zu lassen. Mein im Grunde nicht vorhandenes Hebräisch reicht aus, um zu verstehen, dass er ihr Geld nicht will. „Der Tourist zahlt doch&#8220;, sagt er in etwa sinngemäß. 200 Meter vor der Grenze schaltet er dann das Taxometer ab. Es steht bei 30 Schekel 20. Generös blickt er über die Schulter und meint: „I make 30 for you.&#8220; Ich danke höflich und bezahle den Mann, der inzwischen dann doch das Kleingeld der älteren Dame angenommen hat. Aber zum Diskutieren bleibt keine Zeit. Denn da ist es 11:58 Uhr.</p>
<p>Ich habe Glück. Die Grenzstation ist relativ leer. Nachdem ich auf israelischer Seite meinen Pass dem Security-Mann am Eingang, dem Security-Mann am Geldwechselschalter und der Security-Frau vor dem eigentlichen Eingang gezeigt habe, darf ich ihn der Grenzpolizistin in ihrer Kiste zeigen. Sie wendet ihn von links nach rechts, tippt etwas in ihren Computer, hebt den Stempel, hämmert ihn hinein und raus bin ich aus Israel. Nach 150 Metern Wegstrecke zu Fuß, innerhalb derer ich meinen nunmehr gestempelten Pass erneut dreimal vorführen darf, geht es in das ägyptische Grenzgebäude. Der ägyptische Beamte in seiner Kiste legt seinen kunstvoll verzierten Koran zur Seite, als ich mich nähere. Er mustert das frisch gestempelte Visum. „What is the purpose of your stay in Cairo, Mr. Salewski?&#8220; Ich denke nach, bis mir die genialste aller dummen Touristenantworten einfällt: „I want to visit the pyramids.&#8220; Das stellt ihn zufrieden. Stempel rein. Da ist es 12:13 Uhr.</p>
<p>Ich habe es also so gut wie geschafft. Der ägyptische Bus der Gesellschaft „East Delta Travel&#8220;, fährt um 12:30. Das weiß ich aus dem Internet, aber nicht etwa, weil diese Busgesellschaft eine Seite hätte, sondern weil ein freundlicher Rucksackreisender ein Foto des Fahrplans hochgeladen hat, der an der Busstation in Taba aushängt. Ebenfalls von diesem freundlichen Rucksackreisenden stammt die Information, dass die Busstation Taba nur etwa einen halben Kilometer von der Grenze entfernt ist. Ich renne also mit meinem Gepäck durch die Mittagshitze, biege um die Kurve und da stehen zwischen einer Herde Kamele tatsächlich lauter Reisebusse im Staub. Da ist es 12:25 Uhr.</p>
<p>Ich stürze auf den Mann mit dem beeindruckenden Schnauzbart zu, der in einem, nun ja, Büro mit der Aufschrift East Delta Travel hockt und eine arabische Boulevard-Zeitung liest. Ich mache ihm deutlich, dass ich noch ein Ticket will für den Bus, den nach Kairo, der gleich abfährt, quasi in fünf Minuten. Hoffentlich gibt es noch Plätze, denke ich. Der Mann mit dem beeindruckenden Schnauzbart blickt mich an. Direkt in die Augen schaut er mir, als er sagt: „No Bus to Cairo.&#8220;</p>
<p>Ich frage ihn, was ich jetzt machen soll, so seiner Ansicht nach. Er findet, ohne zu grübeln, eine sehr ägyptische Antwort. „Sit down and wait.&#8220; Es soll ein Bus gegen fünf kommen, inshallah. Also warte ich, Kamele fotografierend, dass etwas geschehen möge.</p>
<p>Dann, eine gute Stunde ist vergangen, rollt laut hupend Sayid in mein Leben. Sayid ist professioneller Minivan-Fahrer auf der Route Taba &#8211; Suez. „Hello my friend. Where you want?&#8220; beginnt er sein Verkaufsgespräch. „Cairo? I bring you Suez for 300 Pound.&#8220; Ich sage ihm, dass der Bus nur 65 Pfund kostet und dass ich auf keinen Fall mehr als das Vierfache zahle, um dafür noch nicht einmal dahin zu kommen, wo ich hin will. Das sieht er ein. „I make you special price. 250 pound.&#8220; Um es abzukürzen: Wir kommen nicht zusammen. Er besteigt seinen klapprigen Nissan und verschwindet in einer Staubwolke. Eine halbe Stunde später steht er wieder neben mir. Jetzt will er 200 Pfund. Ich sage 100. Wir einigen uns auf 150. Ich schwinge mich auf den Beifahrersitz.</p>
<p>Nach ein paar Kilometern entlang der Küste erreichen wir den ersten Checkpoint. Irgendjemand in zivil kontrolliert meinen Pass. Sayid plaudert und hupt. Dann fährt er weiter, aber nicht etwa auf die Straße, die ein Schild als nach Cairo führend ausweist, sondern weiter die Küste entlang. Ich denke, naja, er wird&#8217;s schon wissen. Dann denke ich an die Reisewarnung des Auswärtigen Amtes für den nördlichen Sinai. Sayid friemelt an seinem Handy rum, telefoniert, legt auf, friemelt wieder rum und telefoniert wieder. Ich denke, hoffentlich hast du ihn nicht in seiner Ehre verletzt oder so was, als du ihn um die Hälfte runtergehandelt hast. Vielleicht bin ich ja schon an einen Beduinen-Stamm verkauft, denke ich. Möglichst unauffällig wechsele ich meine Sim-Karte. Mit der israelischen hatte ich schon direkt hinter der Grenze keinen Empfang mehr. Das Auswärtige Amt hat eine Notrufnummer. Man muss so was wie Berlin 30005000 wählen und dann „Notfall&#8220; sagen, dann wird man direkt mit dem Krisenreaktionsstab verbunden. Gestern habe ich darüber noch gelacht.</p>
<p>Es stellt sich heraus, dass Sayid den Umweg fährt, um noch einige Fahrgäste einzusammeln. Wir fahren auf einen baugleichen Minivan auf. Inzwischen führt die Straße kurvenreich ins Landesinnere. Sayid wittert Konkurrenz, will unbedingt vor dem anderen an der nächsten Busstation ankommen. Er saugt sich bei 140 km/h an den Feind heran, schaltet einen Gang runter und setzt zum Überholen an. Der Feind beschleunigt mit. Ich kralle mich am Armaturenbrett fest. Nebeneinander geht es in die nächste Kurve. Die Tachonadel zittert zwischen 150 und 160 Sachen auf und ab. Bitte kein Gegenverkehr, bitte kein Gegenverkehr, stoßen die Gedanken durch meinen Kopf. In diesem Moment kommt uns ein Auto entgegen. Sayid hupt, fordert den Feind auf, Milde walten zu lassen, doch der zeigt keine Gnade. Sayid tritt auf die Bremse, reißt das Lenkrad nach rechts. Hauchdünn schießt der Entgegenkommende an uns vorbei.</p>
<p>Erst zwei Versuche und zwei Adrenalin-Ausbrüche später hat Sayid gewonnen. Drei Araber sitzen jetzt mit mir in dem Minibus und wir donnern mit Vollgas durch die Wüste in Richtung Westen. Inzwischen bin ich ganz froh, mit Sayid zu fahren und nicht mit einem der Minibusse, die wir auf den Serpentinen rauf aufs Sinai-Plateau überholen: 10 Leute auf 8 Plätzen und auf dem Dach den Inhalt eines mittelgroßen Möbellasters. In den Kurven fahren diese Gefährte nur auf zwei Rädern, weil der durch die meterhohe Zuladung nach oben gerutschte Schwerpunkt das Mobil fast zum Kippen bringt. Draußen fliegt für vier Stunden die Wüste vorbei. Eine unfassbare Schönheit in der untergehenden Sonne. Nicht ganz unpassend untermalt von arabischer Pomusik, die Sayid auf voller Lautstärke laufen lässt.</p>
<p>Den letzten der insgesamt acht Checkpoints passieren wir im Dunkeln. Unter dem Kanal verläuft ein Tunnel. Dann stehe ich auf einer Kreuzung irgendwo bei Suez. Ein weiterer Mini-Van fährt von hier die letzten 130 Kilometer nach Kairo, wobei fahren in diesem Fall das falsche Wort ist. Ich bilde mir ein, nicht zimperlich zu sein, was schnelles Autofahren angeht, aber auf diesen 130 Kilometern, sterbe ich gefühlte 30 Tode. Der Fahrer ist ein junger Mann, an dessen rechter Hand vier Finger fehlen. Er lenkt und schaltet mit dem verbliebenen Daumen, während er mit links durchgehend auf die Hupe hämmert oder die Lichthupe betätigt. Er bremst grundsätzlich erst drei Meter, bevor es wirklich überhaupt keine Lücke mehr gibt, durch die man sich auf der zweispurigen Autobahn mogeln könnte. Sobald es zwischen dem LKW auf der linken und dem auf der rechten auch nur 2,53 Meter Platz gibt, stößt er mit 160 Sachen hindurch. Wenn es keine Lücke gibt, überholt er auf der Standspur, selbstverständlich ohne die geringste Ahnung zu haben, ob da ein Hindernis auftauchen könnte.</p>
<p>Kurz vor Kairo stehen wir im Stau. Ich lebe. Ich atme. Ich kann mein Glück kaum fassen. Da dreht sich der Sechsfingrige um und fragt mich grinsend: „Do you like my speed?&#8220; Ich sage ihm, dass das ja schon beeindruckend sei, aber auch ein wenig gefährlich. Er lacht. „Welcome to Egypt&#8220;, sagt er.</p>
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		<title>Benutzte Fassungslosigkeit</title>
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		<pubDate>Tue, 11 Nov 2008 11:48:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>salewski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Jerusalem]]></category>

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		<description><![CDATA[Eine der knalligsten Varianten, einen Text zu beginnen, ist die „gewagte These&#8220;. Sie erzeugt unweigerlich Interesse, bestenfalls fordert sie den Widerspruch des Lesers heraus. Dem Autor obliegt es dann, seine These erfolgreich zu verfechten. Das ist der Grund, warum die „gewagte These&#8220; selten genutzt wird: Zu selten kann man sich weit aus dem Fenster lehnen, [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=salewski.wordpress.com&amp;blog=5316525&amp;post=24&amp;subd=salewski&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Eine der knalligsten Varianten, einen Text zu beginnen, ist die „gewagte These&#8220;. Sie erzeugt unweigerlich Interesse, bestenfalls fordert sie den Widerspruch des Lesers heraus. Dem Autor obliegt es dann, seine These erfolgreich zu verfechten. Das ist der Grund, warum die „gewagte These&#8220; selten genutzt wird: Zu selten kann man sich weit aus dem Fenster lehnen, ohne zu fallen.</p>
<p>Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem ist nichts anderes als ein morbider, geschichtspolitischer Themenpark. Das wäre so eine gewagte These. Der Ort, an dem der Staat der Holocaust-Überlebenden der Millionen Opfer gedenkt, eine profane Inszenierung zur politischen Legitimation? Sicher nicht, aber wer sich eingehend mit Genese, Struktur und Wirkung des deutschen Menschheitsverbrechens an den Juden befasst hat und hier eine Ausstellung erwartet, die intellektuell begreifbar macht, wie es dazu kam, dass die Deutschen zu Massenmördern wurden, der verlässt Yad Vashem enttäuscht.</p>
<p>Ich stehe vor der ersten Videosäule der Ausstellung, die von Millionen Besuchern jährlich durchlaufen wird. Eine Gruppe orthodoxer Jugendlicher drängelt sich um mich herum. Es geht um den Aufstieg der NSDAP, um das Ende von Weimar. An der Wand hinter der Videosäule hängen riesengroße Hakenkreuz-Fahnen. In dieser Größe habe ich das schwarze Symbol im weißen Kreis auf blutrotem Grund noch nie gesehen. NSDAP-Wahlplakate im DIN A0-Format verdecken die letzten freien Stellen. Eine Reichsadler-Standarte, wie sie die SA vor sich hertrug, steht in der Ecke. Dann beginnt das Video. Wochenschau-Aufnahmen. Der bellende Hitler. Die Massen mit dem ausgestreckten Arm. Der Ton ist auf Deutsch, eine Übersetzung gibt es nicht. Das dürfte der Grund dafür sein, dass ich im Gegensatz zu den jungen Juden verstehe, dass es sich um Propaganda-Material handelt. Es müssen Wochenschau-Ausschnitte sein, die nach der sogenannten Machtergreifung in die Kinos kamen. Filme, die gedreht wurden, um die braune Revolution in Riefenstahlscher Ästhetik und den „Führer&#8220; als Messias abzubilden. Doch die Quelle wird nicht genannt. Es gibt keine Einblendung „Wochenschau von 1933&#8243;, keinen Hinweis darauf, dass Bilder in dieser Zeit immer als politisches Instrument dienten, dass sie zwar Realität abbilden, aber durch eine Brille, die die Nazis als propagandistisch gewinnbringend erachteten. Die orthodoxen Jugendlichen starren gebannt auf die Bildschirme. Einer flüstert seinem Nebenmann etwas zu. Es klingt, als sei er beeindruckt. Drei Monitore stehen übereinander. Oben und unten laufen die sattsam bekannten schwarz-weißen Bilder. In der Mitte wird nach und nach eine ansteigende Kurve gezeichnet: Die Stimmanteile, die die NSDAP bei Reichstagswahlen erhielt. Die Kurve endet jenseits der 90 Prozent, also irgendwann nach der „Machtergreifung&#8220;. Dass die letzten Wahlen, die als frei und demokratisch zu bezeichnen sind, im November 1932 stattfanden, wird nicht erwähnt. Die verabscheuungswürdige Tatsache, dass rund ein Drittel der Deutschen <em>aus freien Stücken</em> die Partei des Hasses zur stärksten politischen Kraft machte, sie wird dem optischen Effekt einer nah an die 100 Prozent heranragenden Kurve geopfert.</p>
<p>Während ich weitergehe, frage ich mich, was das soll. Ein Ort an dem soviel geschichtswissenschaftliche Kompetenz gebündelt ist, warum leistet man sich hier derartige historiographische Ungenauigkeiten? Will man das absolute Böse abbilden? Das Erschreckende ist doch, dass das Böse komplex ist, nicht schwarz-weiß, nicht à la Guido Knopp. Indem man die Nazis dämonisiert und pathologisiert geht man doch ihrem Absolutheitsanspruch auf den Leim, denke ich. Aber dann gucke ich mich um. Zwei alte Frauen betrachten eine Karte, auf der die jüdischen Bevölkerungszahlen in Europa vor dem Krieg eingezeichnet sind, eine Karte, wie Eichmann sie zeichnete. Eine dritte wird, wahrscheinlich von ihrem Enkel, im Rollstuhl an eine Vitrine geschoben, in der Pässe mit einem gestempelten „J&#8220; für „Jude&#8220; liegen. Mir wird schlagartig klar, dass diese Frauen eine Nummer in den Arm tätowiert haben könnten, dass dies eine Ausstellung für die Opfer ist, dass es hier um die Fassungslosigkeit geht, die einen angesichts der Verbrechen befällt. Die Fassungslosigkeit von der Saul Friedländer schrieb: „Sie ist eine quasi-instinktive Reaktion, ehe das Wissen sich einstellt, um sie sozusagen zu unterdrücken. Mit Fassungslosigkeit ist etwas gemeint, das aus der Tiefe der eigenen unmittelbaren Weltwahrnehmung aufsteigt, der Wahrnehmung dessen, was normal ist und was ‚unglaublich&#8217; bleibt.&#8220;</p>
<p>Und tatsächlich kehrt dieses intellektuell domestizierte Gefühl zurück als ich mich weiterbewege. Ein Gefühl, das sich wohl am treffendsten als ohnmächtige Wut beschreiben lässt. Ein Raum ist den Vernichtungslagern der „Aktion Reinhardt&#8220; gewidmet. Ich betrachte das Modell von Belzec und stehe im Geiste wieder dort, an der heutigen ostpolnischen Grenze. Als ich die Gedenkstätte Belzec vor drei Jahren besuchte, traf mich dort die Fassungslosigkeit wie ein Schlag in den Magen. Ein Areal nicht größer als zwei Fußballfelder, auf dem die Deutschen und ihre Helfer mehr als 400.000 Menschen ermordeten. Anders als in Auschwitz oder in Maijdanek gibt es dort keine Überreste des Lagers mehr. Die Deutschen waren mehr als bemüht, alle Spuren zu verwischen. Was es gibt ist ein Feld aus Schlacke, das die Ausmaße des Lagers andeutet. Rundherum sind im Abstand von zwei Metern die Daten und die Orte der jeweiligen Deportationszüge auf rostigen Metallschildern angebracht. Der Leiter der Gedenkstätte erzählte mir damals, dass ein paar Wochen zuvor eine ältere Frau vor einem dieser Schilder zusammengebrochen war. Als sie sich beruhigt hatte, sagte sie ihm, dies sei der Zug gewesen, aus dem ihre Eltern sie als Kind auf die Gleise geworfen hätten. Sie wussten, was mit ihnen passieren würde.</p>
<p>Und doch werde ich das Gefühl nicht los, dass die Fassungslosigkeit hier instrumentalisiert wird. Der letzte Raum der Ausstellung zeigt die Entwicklung nach dem Krieg und den Kulminationspunkt des zionistischen Projekts, die Staatsgründung Israels, als quasi-logische Folge. Danach trete ich wieder in den breiten Gang, dessen unverputzte Betonwände schräg nach oben zusammenlaufen wie in einem länglichen Zelt aus Stein. Ich gehe vorbei an dem Sicherheitsmann, der den Ausgang bewacht. Die Wände öffnen sich nach vorne in einem geschwungenen Bogen. Die Architektur ist funktional. Man fühlt sich, als würde man aus einem Grab ins Licht schreiten. Vorne ist eine Aussichtsplattform, auf die man unweigerlich läuft. Der Blick über das israelische Kernland ist atemberaubend.</p>
<p>„Das bedeutendste weltliche Heiligtum Israels ist die Gedenkstätte Yad Vashem&#8220;, schreibt Michael Wolffsohn in seinem politikwissenschaftlichen Standardwerk über Israel. Vielleicht ist an diesem Ort, der den Opfern und ihrer Perspektive gewidmet ist, Geschichtsschreibung von Geschichtspolitik nicht zu trennen. Vielleicht muss man es begrüßen, dass die Gedemütigten und Entrechteten von einst hier ihre legitime Perspektive zur Geltung kommen lassen. Eine Perspektive, in der der Staat Israel der einzige Garant des „Nie Wieder&#8220; ist, während im Land der Täter die beste Ausstellung zum Thema &#8211; diejenige im Haus der Wannsee-Konferenz &#8211; wenige Besucher hat und sich auf ostdeutschen Schulhöfen Jugendliche als „Jude&#8220; beschimpfen. So ist das eben mit den gewagten Thesen. Sie sind fast immer unzutreffend. Man kann Yad Vashem intellektuell unbefriedigt verlassen, aber man lernt zu verstehen, was die Shoah für Israel bedeutet, man lernt, dass aus Fassungslosigkeit Kraft erwachsen kann.</p>
<p>Gewagte Thesen sind fast immer unzutreffend, diese Erkenntnis einmal mehr bestärkt zu haben, ist mein persönlicher Gewinn durch den Besuch von Yad Vashem. Und es ist mehr als ich erwartet hatte.</p>
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		<title>Hinter der Mauer</title>
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		<pubDate>Sat, 01 Nov 2008 17:00:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator>salewski</dc:creator>
				<category><![CDATA[Westbank]]></category>

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		<description><![CDATA[Deutsche Geschichtslehrer haben der politischen Geographie einen Begriff geschenkt, der wohl an kaum einem anderen Ort der Welt so passend ist wie hier. Die Rede ist vom „Flickenteppich&#8220;, der &#8211; soviel hat wohl auch der behalten, der dem Geschichtsunterricht eher pisamäßig beigewohnt hat &#8211; die deutsche Kleinstaaterei vor 1871 bezeichnet. Wenn aber das deutsche Land [...]<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=salewski.wordpress.com&amp;blog=5316525&amp;post=19&amp;subd=salewski&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Deutsche Geschichtslehrer haben der politischen Geographie einen Begriff geschenkt, der wohl an kaum einem anderen Ort der Welt so passend ist wie hier. Die Rede ist vom „Flickenteppich&#8220;, der &#8211; soviel hat wohl auch der behalten, der dem Geschichtsunterricht eher pisamäßig beigewohnt hat &#8211; die deutsche Kleinstaaterei vor 1871 bezeichnet. Wenn aber das deutsche Land ein Flickenteppich war, dann ist Jerusalem mit der näheren Umgebung der Westbank ein Flickenteppich mit Karomuster auf den Flicken, so sehr sind arabische und jüdische Viertel, Siedlungen und Straßen ineinander verschachtelt. Das könnte eigentlich eine schöne Sache sein, gäbe es nicht auf beiden Seiten radikale (und radikal bescheuerte) Minderheiten, die gemeinsam daran arbeiten, der großen Mehrheit ein normales und friedfertiges Miteinander zu verunmöglichen.</p>
<p>Zwei Schlagzeilen der vergangenen Woche: In Gilo im Ostteil der Stadt wird ein älterer Israeli von Palästinensern erstochen, weil er Israeli ist. Ein paar Tage vorher wird im Westteil der Stadt ein Palästinenser in einem Eisladen von jungen Israelis mit Knüppeln krankenhausreif geschlagen, weil er Palästinenser ist. Es hätte zeitlich genauso gut andersherum ablaufen können. Das Erklärungsmuster von Aktion und Reaktion hat hier schon lange keine Gültigkeit mehr. Es ist vielmehr ein endloser Kreislauf unfassbaren Schwachsinns, mit dem traurigen Ergebnis, dass es Orte gibt, an die sich Angehörige der jeweils anderen Seite mit gutem Grund nicht trauen.</p>
<p>Für Israelis ist so ein Ort Ramallah, nach den Verträgen von Oslo „Zone A&#8220; und somit palästinensisch-autonom. Ramallah, das ist die Hochburg der Fatah, 15 Kilometer nordwestlich von Jerusalem, wo Jassir Arafat erst residierte, dann jahrelang unter Hausarrest stand und wo er heute begraben liegt. Ramallah, wo im Jahr 2000 zwei junge israelische Soldaten vor laufender Kamera gelyncht wurden, weil sie sich verfahren hatten. Ramallah, das die israelische Armee während der zweiten Intifada heftig bombardierte und das heute hinter der umstrittenen Betonmauer liegt, die von den einen propagandistisch als „Apartheidsmauer&#8220; von den anderen verharmlosend als „Sicherheitszaun&#8220; bezeichnet wird. Ramallah, der Ort, den ich heute besuche.</p>
<p>Der arabische Kleinbus der Linie 18 startet vom Busbahnhof am Damascus-Gate. Sechseinhalb Schekel, umgerechnet etwa 1,25 Euro, kostet die Fahrt. Kopftuchbewehrte Familienmütter, neben die ich mich als Mann nur nach Rückfrage (also lieber nicht) setzen sollte, sind eindeutig in der Überzahl. Die letzten Kilometer vor dem Checkpoint Qalandiya verläuft die Straße entlang der Mauer. Eine endlose Wand aus Beton, unterbrochen nur durch runde Wachtürme, deren eckige Fenster an waagerechte Schießscharten erinnern &#8211; was sie wohl auch sind. Der Checkpoint ist schnell passiert. Keiner der jungen, martialisch bewaffneten Soldaten kontrolliert diejenigen, die hineinwollen. Auf dem Rückweg wird das anders sein.</p>
<p>Schon in Jerusalem sind die Straßen oft in bedauernswertem Zustand. Aber hier auf der Hauptstraße durch das Flüchtlingslager Al-Am&#8217;ari springt der Bus von Schlagloch zu Schlagloch. Der Fahrer schont sein Gefährt in keiner Weise. Während ich im Vorbeirasen die arabischen Jungmänner mit ihren obligatorisch stramm gegelten Haaren auf den Bürgersteigen mustere, hüpfe ich im Sitz auf und ab wie auf dem Rücken eines Rodeo-Bullen. Draußen bricht bereits die Dunkelheit an, aber deutlich zu erkennen sind die Berge von Müll, die sich auf jeder verfügbaren Fläche stapeln. Als ich nach gut halbstündiger Fahrt aus dem Bus steige, trete ich in einen Berg aus Plastikflaschen, Dosen, zerfledderten Pappkartons und ähnlichem Unrat. Kaum fünfzig Meter gehe ich gemeinsam mit meinen drei Begleitern aus Berlin und New York die Straße entlang, da entdecken die ersten Kinder den Besuch aus dem Westen. Mit Hundeblick führt ein etwa 10-jähriger Junge seine hohle Hand zum Mund. Es ist die rechte. Mit der Linken zupft er gleichzeitig am Rock unserer Gastgeberin, die für das örtliche Büro der Konrad-Adenauer-Stiftung arbeitet. Wow, denke ich, willkommen in der Realität zum Klischee.</p>
<p>Wir überqueren den Manarah-Square, einen vom Kreisverkehr dominierten Platz, in dessen Mitte seit kurzem ein von vier Steinlöwen bewachter Springbrunnen plätschert, den bloß kitschig anstatt schlicht hässlich zu nennen eine grob fahrlässige Untertreibung wäre. Auf der Straße stehen palästinensische Polizisten mitten im Verkehr und unterhalten sich. Ab und zu fährt ein babyblauer VW-Golf mit Blaulicht vorbei. Ich meine gelesen zu haben, dass die palästinensische Polizei den Großteil ihrer Dienstwagen von Deutschland gestellt bekommen hat, kann mich aber nicht mehr genau erinnern. Wir kehren ein bei „Stars &amp; Bucks&#8220;, der unautorisierten Kopie von „Starbucks&#8220;. Das Corporate Design ist absolut identisch, aber der Kaffee schmeckt hier besser. Das Publikum gibt sich lässig westlich und ist es wahrscheinlich auch. Am Nachbartisch ein Typ mit Baseball-Kappe. Er gestaltet Kette rauchend Hochglanzanzeigen auf seinem iBook. Von den Werbefuzzis, die sich in Berliner Cafes auf schniekem 70er-Jahre-Interieur räkeln, unterscheidet ihn, den Graphik-Designer, eigentlich gar nichts. Vielleicht aber auch alles. Vielleicht gehört zu diesem alles die acht Meter hohe Mauer, die von 18-Jährigen mit M-16 im Anschlag bewacht wird. Vielleicht gehört dazu auch die Gesellschaft, in der er lebt. Eine Gesellschaft, die geprägt ist von vorsintflutlicher Männlichkeit, von stumpfsinnigen Ehrbegriffen und einer unfassbar restriktiven Sexualmoral.</p>
<p>Stunden und ein reichhaltiges Abendessen später, zu dem wir &#8211; wie etwa 20 andere Leute aus aller Welt &#8211; eingeladen waren und dessen Verlauf hier detailliert wiederzugeben den Rahmen sprengen würde, befinden wir uns auf dem Weg quer durch Ramallah. Wir können uns zum Schlafen auf den Boden einer WG betten, denn es fahren keine Busse mehr zurück nach Jerusalem. Die Stadt ist menschenleer. Einstöckige Häuser reihen sich aneinander. Die engen Gassen wirken im gelblichen Licht der vereinzelten Straßenlaternen wie die perfekte Kulisse, um einen nahöstlichen Western zu drehen. Die Mädels, die in der WG wohnen, erzählen, dass sie hier nachts nicht alleine entlang gehen. Die eine fährt auch nicht mehr gerne alleine Taxi, seit sie kürzlich von einem Taxifahrer begraptscht wurde. Ich frage mich, ob derartiges die nächtliche Variante des andauernden „I love you&#8220; ist, das meiner blonden Begleitung tagsüber zugerufen wird oder ob ich nur dem Vorurteil auf den Leim gehe.</p>
<p>Ein anderes Vorurteil hake ich für mich am nächsten Morgen als widerlegt ab. Ich sitze mit Kaffee und Zigarette auf der Terrasse unserer Gastgeber und beobachte den Verkehr der keine fünf Meter entfernt entlang rollt. Es fährt ein nagelneuer BMW in Hochglanz-Politur vorbei. Es folgt ein Geländewagen von Mitsubishi, der auf keinem Golfplatz-Parkplatz negativ auffallen würde. Dann ein Mercedes, gefolgt von einem Golf IV. Ich beginne mich langsam zu fragen, in welchem Teil des armen, von der internationalen Gemeinschaft mit Milliardensummen am Leben gehaltenen Palästina ich hier eigentlich gelandet bin. Beinahe eine Stunde sitze ich dort und beobachte. Ergebnis meiner natürlich nicht-amtlichen Zählung: Mehr als die Hälfte der Gefährte waren relativ bis nagelneue Mittel- und Oberklassewagen. Es gab zwar auch etliche Schüsseln, die aussahen, als würden sie es nicht mehr lange machen, aber meine Erwartung an den Fuhrpark eines Landes, dessen Repräsentanten nicht müde werden, die Armut ihrer Bürger zu betonen, war dann doch eine andere. Vielleicht ist die Straße, an der ich saß, aber auch die Route in das Viertel derjenigen, die privilegierten Zugriff auf all die Hilfsgelder haben, die sie für ihre Landsleute in aller Welt einsammeln. Ob das die Sache besser machte, sei mal dahingestellt.</p>
<p>Beim Stadtrundgang am Mittag erwacht dann wieder die Faszination über soviel organisiertes Chaos. Die Menschen fluten die Straßen, nehmen sie in Beschlag wie man es in einer europäischen Stadt nie sehen würde. Verschleierte Frauen balancieren Getreidesäcke auf ihren Köpfen mitten durchs Gewühl, Kinder toben einem um die Beine, während auf dem Bürgersteig Brot von hölzernen Karren verkauft wird. Der Verkehr wird von den bunten Massen erstickt und wehrt sich mit dem üblichen Hup-Crescendo. Es liegt eine lockere Lebendigkeit in der Luft, die ansteckend ist. Es ist das exakte Gegenteil davon, in einer verregneten deutschen Fußgängerzone Menschen mit mürrischen Gesichtern auszuweichen &#8211; natürlich ordentlich rechts gehend &#8211; und dann das im Parkhaus auf Stellplatz 165 akkurat eingeparkte Auto zu besteigen. Es ist &#8211; so nennt man das wohl &#8211; arabische Lebensart und ein bisschen davon täte dem soliden Westen gar nicht schlecht.</p>
<p>An vieles hier gewöhnt man sich überraschend schnell. Dazu gehören die Waffen, die mich, der noch nie eine scharfe Waffe abgefeuert hat und auch nicht vorhat das in diesem Leben noch zu tun, anfangs eher verstörten. Am Checkpoint besteigt ein blondes Mädchen, vielleicht 20 Jahre alt, den Bus. Ihr Sturmgewehr trägt sie seitlich über der kugelsicheren Weste. Draußen sichern drei Kollegen, einer hat hinten im Hosenbund noch zwei Pistolen eingesteckt. Diejenigen Palästinenser, die in Ostjerusalem wohnen, dürfen, zusammen mit den westlichen Ausländern, im Bus sitzen bleiben, während die Bewohner der Westbank zu Fuß durch die Kontrolle müssen. Die junge Soldatin prüft die Ausweise. Sie wirkt routiniert, ihre Gesichtszüge lassen keine Regung erkennen. Bei einem verschleierten Mädchen schräg links vor mir, stockt sie. Sie macht „Tss, Tss, Tss&#8220;. Dann prüft sie unsere Pässe, gründlicher als ich erwartet hatte. Als sie fertig ist, fordert sie die Palästinenserin auf mitzukommen. Sie steigen gemeinsam aus, die Fahrt geht weiter. Für uns.</p>
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		<title>Wenn es dunkel wird</title>
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		<pubDate>Mon, 20 Oct 2008 18:43:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>salewski</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wenn es dunkel wird in Ostjerusalem, sollte man besser woanders sein. Und es wird sehr früh dunkel in Jerusalem.<img alt="" border="0" src="http://stats.wordpress.com/b.gif?host=salewski.wordpress.com&amp;blog=5316525&amp;post=9&amp;subd=salewski&amp;ref=&amp;feed=1" width="1" height="1" />]]></description>
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<p>Wenn es dunkel wird in Ostjerusalem, sollte man besser woanders sein. Und es wird sehr früh dunkel in Jerusalem. Um 16 Uhr-irgendwas bereits überflutet die untergehende Sonne die weiße Stadt mit einem dramatischen Orange. Die radikal-jüdische Schas-Partei &#8211; in der letzten Regierung das Zünglein an der Waage &#8211; hatte durchgesetzt, dass die Winterzeit drei Wochen früher beginnt als im Rest der Welt. Den Gläubigen solle das Fasten an Yom Kippur erleichtert werden, so das Argument. Den, zugegebenermaßen, recht weltlichen Einwand, es bliebe aber bei 26 zu fastenden Stunden, selbst wenn man die Uhren rückwärts laufen ließe, wollten die Repräsentanten der Orthodoxie nicht gelten lassen. Ihre Wähler aus Akko, im Norden des Landes, hatten dann an Yom Kippur auch tatsächlich genügend überschüssige Energie, um einem Palästinenser, der vor Dummheit strotzend seine Tochter mit dem Auto aus einem orthodoxen Stadtteil abholen wollte, selbiges mit Steinen zu Klump zu werfen und damit die schwersten jüdisch-arabischen Ausschreitungen seit langem auszulösen. Jetzt wohnen in Akko arabische Familien in Hotelzimmern anstatt in ihren Häusern. Die Zimmer werden &#8211; mit den Steuergeldern der orthodoxen Uhrzeitumsteller &#8211; von derjenigen Stadt bezahlt, die über Jahrzehnte als das leuchtende Beispiel für ein gelingendes, weil fried- und respektvolles Zusammenleben von Arabern und Juden galt.</p>
<p>Aber zurück: Wenn es dunkel wird in Ostjerusalem, sollte ich besser woanders sein. Das ist jetzt das zweite Mal, dass mir dieser Rat zuteil wird. Der Araber, dem ich gerade nach fünf(!)maligem Draufdeuten, verständlich machen konnte, dass ich keine Marlboro Lights, sondern normale, die roten, die da, erwerben will, spricht dann doch genug Englisch, um mir diesen Hinweis noch gratis obendrauf zu geben. Ich glaube immer weniger an diese Weltuntergangsprophezeiung. Während ich mich durch Massen von arabischen Schulkindern schlängele, prüfe ich für mich die Wahrscheinlichkeit einer Sprachregelung für arabische Verkäufer, ausgegeben von irgendeiner städtischen Tourismusbehörde, die dabei eher an die christlichen Pilger der Alterskolonne 60+X in ihren vollklimatisierten Reisebussen dachte als an Neukölln-erprobte Agnostiker. Derartige Fürsorge leuchtet sofort ein, denn ein paar ganz doll Erleuchtete aus diesen Gruppen schwingen sich ja gerne ein Holzkreuz auf die Schulter und schleppen es den „Weg des Leidens&#8220; lang, aus der Altstadt gen Osten.</p>
<p>Aber noch ist ohnehin alles gut, denn noch stehe ich schwitzend in gleißender Sonne auf dem Mount of Olives, dem Ölberg, der sich östlich der Altstadt erhebt. Der Weg hierher war wie immer beschwerlich. Auf dem Stadtplan sind fußläufige Distanzen fußläufige Distanzen. In Wirklichkeit flucht man dann spätestens beim dritten Alp d&#8217;Huez-mäßigen Anstieg auf den Kartenhersteller, der die Straßen Ostjerusalems nur nach grober Schätzung eingezeichnet hat. Aber man wird ja mit der Zeit immer gelassener. Inzwischen erschrecke ich mich nicht mehr, wenn eins der unzähligen Sammeltaxis im Zentimeterabstand an mir vorbeidonnert. Ich habe es auch aufgegeben nach irgendeinem Grund für die andauernde Huperei zu forschen. Anscheinend steht hier in der Straßenverkehrsordnung sowas wie: „Hupen Sie bei jedem Schaltvorgang. Wenn Sie Automatik fahren, hupen Sie nach Lust und Laune, aber mindestens zwei Mal pro Minute.&#8220; Die Karte kann ich also vergessen. Ich beschließe, mich bewusst zu verlaufen.</p>
<p>Vorher will ich aber wenigstens ein christliches Highlight gesehen haben. Ich überquere die Straße und folge einem Jungen, der auf einem viel zu kleinen Esel bergab reitet, in Richtung der Auferstehungskapelle. Steht sogar auf Deutsch dran: „Auferstehungskapelle&#8220;. In meinem Stadtplan wird daraus dann die „<em>Church</em> of the Ascension&#8220;. Soviel dazu! Ich nähere mich etwas überrascht, denn gerade hebt ein Bauarbeiter einen Presslufthammer hoch und presst ihn, die Kippe im Mundwinkel, gegen die Wand des Heiligtums. Zwei Vollbärtige sitzen daneben und schauen zu. Als ich vorbei will, spricht mich der Bärtigere der beiden Vollbärtigen an. Ich verstehe nichts, logischerweise, denn drei Meter entfernt wird ja gerade die Kapelle mit dem Presslufthammer bearbeitet. Er brüllt: „Five Shekel!&#8220; Ich denke: Na hoppla, kann hier jeder Vollbärtige auf einem billigen Plastikstuhl von jedem dummen Touristen fünf Schekel Eintritt verlangen? Dann gebe ich ihm aber natürlich seine fünf Schekel. Was soll ich um einen Euro diskutieren? Die eigentliche Kapelle steht in einem Innenhof. Außer mir ist kein Mensch da. Im Innern ist es angenehm kühl. Zu sehen gibt es nichts außer kahlen Wänden aus altem Stein. Eine Taube sitzt zwei Meter über meinem Kopf. Ihr Gurren klingt durch den Hall wie unter Wasser. Auf dem Boden liegen ein paar zerfledderte Eintrittskarten. Darauf steht: „The Holy Chapel of the Ascension &#8211; One Adult: 3 Shekel&#8220;</p>
<p>Das mit dem Verlaufen droht schwierig zu werden. Schon nähere ich mich der nächsten christlichen Hauptstraßen-Attraktion. Gerade noch rechtzeitig biege ich in eine schmale Gasse ab. Es geht steil treppab, was mir gelegen kommt. Sie ist schattig, die Gasse, was mir noch mehr gelegen kommt. Nach einigen hundert Metern in Länge und Höhe hören die Treppen abrupt auf, der Weg ist von nun an ein felsiges Schotterbett, wie eine von einem Gebirgsbach ausgewaschene Rinne. Häuser gibt es auch nicht mehr, dafür aber Olivenhaine. An Umkehren wage ich angesichts der damit verbundenen Anstrengung nicht zu denken. Ich denke vielmehr an die gelungene Metapher, die die Kanzlerin in einem lichten Moment einst prägte: „Wenn ich morgens aufstehe, dann sehe ich die ganze Flut der Aufgaben relativ, äh, äh, bergartig vor mir.&#8220; Kraxelnd und stolpernd geht es daher bergab, irgendwo wird&#8217;s ja hinführen.</p>
<p>Dass es in diesem Land viel Auf und Ab geht, ist eine der Tatsachen, die man den politischen Landkarten der Tagesschau so nicht entnimmt. Am beeindruckendsten in dieser Hinsicht ist der Sturzflug, den man unternimmt, wenn man mit dem Taxi von Jerusalem aus ans Tote Meer fährt. Aus 800 Metern Höhe geht es auf wenigen Kilometern hinab auf 400 Meter unter dem Meeresspiegel. Das Tote Meer selbst ist dann so wie im Fernsehen. Eine Art übergroßer Tümpel mitten in der Wüste, von dessen Ostufer aus der Schall (wohl zu Übungszwecken) explodierender Granaten durch die flirrenden Luftschichten wabert. Man sitzt, im Wortsinn, im Wasser wie ein Korken. Totes-Meer-Anfängerfehler Nummer 1: Man probiert mal ein Schlückchen, ob es denn auch wirklich so salzig ist. Antwort: Ja und noch viel schlimmer. Totes-Meer-Anfängerfehler Nummer 2: Man versucht zu schwimmen. Ergebnis: Der Arsch poppt hoch und man taucht mit dem Gesicht ins Wasser, womit man wieder bei Fehler Nummer 1 ist. Totes-Meer-Anfängerfehler Nummer 3 ist eigentlich Anfängerfehler Nummer 2, nur dass man auch noch vergisst die Augen zu schließen, bevor einem die Lauge die Netzhaut verätzt. Aber das Ganze ist natürlich ein Riesenspaß.</p>
<p>Aber Ostjerusalem: Das „Irgendwo&#8220;, wohin die Schotterrinne führt, entpuppt sich als ein Toilettenhäuschen direkt neben der Maria-Magdalena-Kirche, vor der diesmal keine bärtigen Männer sitzen, sondern ein feinerer Herr hinter einer Glasscheibe. Ich denke mir, wenn schon die Holzklasse fünf Schekel kostet, lass ich dieses Vier Jahreszeiten unter den christlichen Heiligtümern mal lieber aus. Stattdessen schlendere ich, nunmehr endlich im Tal unterhalb der östlichen Stadtmauer angekommen, über den Ölberg-Friedhof. Der Muezzin fängt an zu singen. Leicht verzögert hört man, wie sein Pendant aus der anderen Richtung einstimmt. Ein schwarz gekleideter Mönch geht vorbei. Auf dem Rücken hat er einen violetten Eastpack-Rucksack. Ich passiere zwei japanermäßig um ihr Leben fotografierende Frauen. Die eine sagt mit sächsischem Einschlag zu der anderen: „Du, das ist doch der Muezzin, der da singt.&#8220; Ich überlege kurz, ob ich ihnen die Kapelle zum heiligen Presslufthammer wärmstens empfehlen soll, lasse es aber.</p>
<p>Den Weg zurück will ich nutzen, um noch eine Haaretz zu erstehen. Schließlich beginnt mit Sonnenuntergang schon wieder ein jüdischer Feiertag (Ende Sukkot) und alle Geschäfte sind dementsprechend geschlossen. Die tägliche Haaretz, deren englische Version der International Herald Tribune beigelegt ist, ist mir hier so schnell ans Herz gewachsen wie die tägliche Ration Hummus: Beides haut dich nicht vom Hocker, aber man kann ganz gut damit leben. In Wadi El-Joz, dem Araberviertel mit den vielen Autowerkstätten, durch das ich gehe, wenn ich zurück zum Studentenwohnheim will, gibt es Läden, die auf 20 Quadratmetern von der Autobatterie über die 20-Kilo-Dose Oliven bis hin zu Prepaid-Karten fürs Handy alles anbieten. Eine Haaretz gibt es nirgends. Ich hetze die letzten Kilometer zurück auf den Mount Scopus. Noch ist es ja hell. Es gibt eine, wenn auch nur kleine Chance, dass der Supermarkt oben noch geöffnet hat. Völlig durchgeschwitzt biege ich um die Ecke. Geschlossen. Natürlich. Immerhin wieder was gelernt: Das nächste Mal mache ich es andersrum. Westjerusalem im Hellen, Ostjerusalem im Dunkeln. Ich bin doch kein Tourist.</p>
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